Zu Gast in der Thule-Zentrale

Eines kalten Februarabends 1919 wurde er in das Kaminzimmer des Hotels geladen. Der Raum war verziert mit großformatigen Schlachtengemälden und mit gemütlichen, zum Kamin ausgerichteten Sesseln. Über der Feuerstelle prangte, eingefasst in einem goldenen Rahmen, ein riesiges Bild einer Schwarzen Sonne, in deren Mitte zwei Runen eingelassen waren. Als er eintrat, lehnte sich ein etwa fünfzigjähriger Mann aus einer der Sitzgelegenheiten heraus. Er hatte einen markanten Schnauzbart und wache Augen, die sich an ihm festhafteten.
»Sie sind also der Berliner«, eröffnete er das Gespräch. Wie er später erfuhr, handelte es sich um Karl Haushofer, einem weitgereisten Mann, der an der Universität München habilitiert hatte. Er war unter anderem im fernen Japan gewesen und hatte
dort die erfolgreiche fernöstliche Kriegsführung studiert. Nach ein paar Runden des Kennenlernens kam Haushofer auf den Punkt.

»Wollen Sie etwas trinken?« Er wartete die Antwort nicht ab. Wenig später wandte er sich seinem Gast zu, mit zwei Schwenkern in den Händen.
»Nehmen Sie einen Schluck.« Beide genossen den Alkohol. Das Kaminfeuer wurde auffällig wärmer.

»Die Frage, die wir Menschen uns doch immer stellen, ist diese: Wie weit sind wir bereit zu gehen? Wie weit wirklich? Und was gibt uns die Gewissheit, das zu tun? Die Roten und die Juden wollen uns ihre Ideen in die Köpfe pflanzen. Unser Geist soll ihr Dung werden. Unglaublich! Was tun wir dagegen? Jeder einzelne von uns und bis zu welchem Punkt? Und mit welchen Konsequenzen? Mit anderen Worten, sind Sie bereit, für eine wichtige Sache zu sterben?«

Der Mann erinnerte sich noch, wie er zunächst unsicher war und der andere es bemerkte.
»Lassen Sie sich Zeit mit der Antwort. Heute möchte ich Ihnen zeigen, worum es geht.« Er reichte ihm ein weiteres Glas Weinbrand und bat ihn, in einem der Sessel Platz zu nehmen.

»Lassen Sie uns in die reinigende Macht des Feuers blicken.« Sie starrten lange in die lodernde Glut, verfolgten das Blaken der Scheite und sahen zu, wie die Flammen immer wieder nach neuen Wegen suchten, ihren Fortbestand zu sichern.
»Das Feuer ist seinem Wesen nach endlich wie wir.
Anders als das Wasser, das immer da ist. Das Feuer versteht es, sich zu behaupten, es nutzt jede Schwäche aus. Es ist das Feuer in uns, das uns antreibt. Es ist gebündelt im Himmel zu Hause. Der Blitz, der in einem Baum einschlug, war eines der ersten Dinge, was der Mensch vor vielen Jahrtausenden sah. Eine von Gott gesandte Kraft, die uns die Wärme des Lebens bringt.«

Haushofer reichte ihm eine kleine metallene Dose.
»Nehmen Sie etwas davon!«
»Was ist das?«, fragte der Mann.
»Ein Gedankenaufheller, stopfen Sie etwas davon in Ihre Nase und lassen Sie Ihren kreativen Ideen freien Lauf.«

Für den Mann war es die erste Begegnung mit Kokain. Er wusste, dass ganz Berlin sich damit aufheiterte, sah aber auch die tiefgeränderten Augen und die Nervosität, welche die Substanz mit sich brachte. Dennoch nahm er eine Prise und es gefiel ihm, eine Grenze zu überschreiten.

»Was ist Ihre große Stärke, Ihr Talent? Wo finden Sie sich wieder?«, fragte Karl Haushofer den Mann.

»Ich denke, in der Sprache. Sie hat so viel Kraft und Wucht und ist so schön. Den Dingen ein lyrisches Gewand zu geben, ist meine wirkliche Passion. Ich habe viele Gedichte über Träume und den Lauf der Welt geschrieben.« Einen Moment zweifelte er, doch nur aus üblicher Poetengewohnheit.

»Ein Mann der Sprache, der deutschen Sprache.
Das ist eine gute Sache. Machen Sie was daraus. Nutzen Sie sie. Sie hat Macht. Sie überzeugt. Wenn Sie etwas erreichen wollen, dann am besten auf diese Weise. Sprechen Sie verständlich, am besten in einem klaren Bild. Schwarz-Weiß. Dann erzählen Sie es dem Bäcker, dem Metzger und selbst dem Bettler.

Ist sich die Gasse einig, erzählt sie es wie von selbst der Straße. Dort sprechen Sie mit dem Kaufhaus, dem Wirtshaus und der Kirche. Dann gehen Sie zu den Prachtstraßen und schon bald stehen Sie am Zaun des Palastes. Und hinter Ihnen die Masse, die Ihnen glaubt.« Haushofer zog voller Genuss an einer Zigarette. Dann wechselte er abrupt das Thema.

»Mein Freund, schärfen Sie vor allem Ihren geopolitischen Instinkt. Sie müssen wissen, was Sie erreichen wollen. Ländereien, Einflussnahme, Schlüsselindustrien, Seewege. Diese Überlegungen sind die Basis oder besser das geistige Rüstzeug für eine überlegene Außenpolitik.

Sehen Sie, auch wenn wir den Krieg verloren haben, – er ist nur eine Schlacht gewesen. Und bis der nächste Krieg kommt, müssen die entsprechenden strategischen Planungen wohlüberlegt sein. Ich sehe diesen Krieg positiv. Das mag zynisch klingen bei so vielen Toten und Krüppeln. Aber sehen wir es im Ganzen. Krieg erzieht nicht zum Besseren. Er trägt immer den Keim des Ungerecht-behandelt-worden-Seins in sich. Die Besiegten, in diesem Falle wir, werden diese Schmach und Schande nie auf uns sitzen lassen. Sobald wir uns wieder einig sind, werden wir wieder losschlagen. Denken Sie drüber nach. Das ist der Lauf der Dinge.«

Dann blickten sie wieder in die Flammen.
Eine halbe Stunde später überschlugen sich die Gedanken beider Gesprächspartner. Begierig nahmen der Mann und Haushofer jeden Zipfel der
wieder aufgekommenen Unterhaltung auf, um zu kommentieren oder das Gespräch in eine andere Richtung zu drängen.

Sie sprachen über jene mystische Insel am Nordrand der Welt, ein Eiland, das vielleicht einmal die
Spitze des legendären Atlantis war und das als Quelle der vrilen Energie galt. Sie schwadronierten über die heilende Kraft der Externsteine bei Bad Meinberg, die einst von den Titanen einer nordischen Hochkultur errichtet worden waren. Sie ereiferten sich darüber, wie die Welt um sie herum durch den inneren Feind an Glanz verlor. Sie verstiegen sich in die Weihen des antiken Griechenlands mit seinem Körperkult. Olympia, Prometheus, den legendären Feuerbringer, der, weil er den Menschen das Licht und Wärme brachte, ewige Qualen erdulden musste. Sie sahen sich selbst als dieser Bote.

Über Zeus und Odin wurden schließlich die gesamten Götterwelten beschworen, die sich nun in nur einem einzigen Gott vereint hatten.
Später erweiterte sich der Kreis um weitere Männer der Gesellschaft. Gebannt folgten sie den beiden Diskutanten. Der immer größer werdende Flammentanz aus Licht und Schatten zuckte planlos über die Gesichter.

Angefacht durch das genommene Puder sprachen nun alle darüber, wie diese göttliche Kraft zu entfachen sei und dass man sich grundsätzlich jenseits aller Vorstellungskraft bewegen müsse, um Großes zu leisten.

Die Hitze im Raum war unerträglich geworden. Einer der Männer warf sein Hemd fort und präsentierte seine Muskeln. Er zeigte jene tiefen Wunden, die er sich frierend im Schützengraben geholt hatte.

Ein anderer warf sich unbekleidet in die Posen antiker Sportler, während die flackernden Flammen auf seinem Schweiß ihr Schattenspiel trieben.

Jemand hatte auf ein Grammophon eine Platte gelegt, die nun wuchtige Musik durch den Raum trieb, die sie alle stimulierte.

Einer der Männer begann sich rasend im Kreise zu drehen. »Das ist die Macht der Sufi-Derwische. Versuche es auch einmal.«

Der Mann drehte sich nun auch im Kreis, er spürte sein Herz, seinen dichten Atem. Alles drehte sich.

Dann waren die Hände der Verbündeten auf ihm. Liebkosten ihn. Etwas Weiches berührte sein Ohr.
Alle waren nun nackt und tanzten und fielen lachend aufeinander und übereinander. Er glitt über Muskeln und fette Bäuche.

Dann war jemand in ihm. Der Mann erschrak nicht. Es war, als sei die Vereinigung das letzte, was er empfinden musste, um Erdgöttin Gaia, die Mutter von Allem, zu umarmen.